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Am Anfang stand das Logierhaus



1876 kauft die Familie Kassen das Haus an der Osnabrücker Straße 19 und beherbergte die ersten Sommerfrischler im Obergeschoss ihrer Pension. Links vom Gebäude leben Hühner, Kühe, Schweine und Pferde auf Weiden und in Ställen. Scheune, Schuppen und Misthaufen ergänzen die Landidylle.

 

Bis 1947 betrieben Josef und Gertrud Kassen, die Eltern des heutigen Inhabers Rainer Kassen, zusammen mit der "Haustochter" Hildegard Kassen ausschließlich Landwirtschaft an der Osnabrücker Straße 19. Aus dem Jahre 1947 datiert die 1. Konzessionsurkunde für eine staatlich konzessionierte Privatkrankenanstalt und das Kneippwesen begann in der gelben Villa.

Bereits 1960 wurde der erste Kneipp‑Sanatorium an der Hildegardstraße gebaut. Die Adresse lautet Hildegardstraße 1.  Schon 1964 folgte das zweite Haus an der Osnabrücker Straße 19, monatlich wurden bis zu 120 Kurgäste in den Häusern Kassen betreut.

Ein glücklicher Zufall.  Auch das Sanatorium Kassen stand damals vor einer entscheidenden Weichenstellung. Seit 1989 kennen wir den Begriff Gesundheitsreform. Als Folge der Ölkrise 1973/74 war die Gesundheitsversorgung zu teuer geworden. Es folgte Mitte der 1970er Jahren das Krankenkassen-Kostendämpfungsgesetz. Dieses Gesetz führte beispielsweise dazu, dass die Kneipp- Kuren nicht mehr als Kassenleistung abgerechnet wurden.

Rainer Kassen und sein Bruder Josef erinnern sich. „Das war ein existentielles Thema bei uns am Abendbrottisch. Unsere Eltern und unsere Tante sprachen darüber als diese Maßnahmen bekannt

wurden und fragten sich, wie es weitergehen sollte, 1975 war es dann so weit. Die Verträge mit den Kostenträgern wurden gekündigt. Plötzlich standen zwei riesige Gebäude leer und mussten einer neuen Nutzung zugeführt werden.“

Fast gleichzeitig suchte das Landeskrankenhaus Osnabrück nach Einrichtungen, die bereit waren, psychisch erkrankten Menschen ein neues Zuhause zu geben. Dass ausgerechnet Bad Iburg in den Blick rückte, hatte mit einer persönlichen Bekanntschaft zu tun.

„Die Frau des damaligen Direktors des Landeskrankenhauses war mit meiner Tante Hildegard befreundet. Dadurch entstand der Kontakt.“ Rainer Kassen beschreibt diese Begegnung heute als einen Glücksfall.

„Der Direktor hatte sich auf die Fahne geschrieben, Menschen aus den geschlossenen Abteilungen herauszuholen und ihnen familiäre Wohnmöglichkeiten zu bieten. Parallel entstanden im Landkreis noch drei weitere Einrichtungen.“

Was damals wie eine pragmatische Lösung für leer-stehende Gebäude begann, entwickelte sich zu einer Lebensaufgabe.

 

Eine Reform verändert Deutschland.  Auslöser für diese Veränderungen war die Psychiatrie- Enquête des Deutschen Bundestages. 1975 wurde der Abschlussbericht veröffentlicht. Fachleute hatten über Jahre untersucht, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen in Deutschland lebten. Das Ergebnis war erschütternd. Viele verbrachten ihr gesamtes Erwachsenenleben in großen psychiatrischen Einrichtungen – häufig fernab ihrer Familien und ohne echte Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben. Die Empfehlungen der Psychiatrie-Enquête waren wegweisend.

Menschen sollten wohnortnah leben können, sie sollten am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sie sollten Unterstützung erhalten, ohne ihre Selbstständigkeit zu verlieren.  Der Begriff Enthospitalisierung wurde zum Leitgedanken einer neuen Zeit.

 

Fünfzig Jahre später begegnet man im Sanatorium Kassen Menschen, die in einer Werkstatt arbeiten, einkaufen, Freunde treffen, Sport treiben, Hühner füttern, Unkraut jäten, im Esszimmer die Tische decken, in der Wäscherei helfen oder gemeinsam den Alltag anderweitig gestalten. Vieles von dem, was die Psychiatrie-Enquête 1975 gefordert hat, gehört heute selbstverständlich zum Leben im Haus. Die mutmachenden Erfolgsgeschichten von Menschen, die es aus dem Wohnheim zurück in den Arbeitsmarkt und in eine eigene Wohnung geschafft haben zeigen wie wichtig die Aufgaben der Wohnkeime sind.

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